Gefühlsfliegen

Seit meine Kinder etwas älter sind, erlebe ich immer wieder eine für mich recht neue Situation.

Am Ende einer Begebenheit, eines Vorkommnisses, eines Tages (…), stehe ich heute oftmals mit ratlosem Gesicht vor ihr, und sie schaut mich fett grinsend an: die „es-ist-nichts-mehr-zu-tun-Hilflosigkeit“.

Es ist verführerisch zu glauben, das läge nun daran, dass alles getan wäre. Alles abgearbeitet sei. Die Kinder zufrieden wären mit dem, was sie angeboten bekamen… aber hey! wir befinden uns nicht im Leitartikel einer Elterzeitschrift oder im VHS Elternselbsthilfekurs… Wir wissen, das ist es nicht!!

Das neue Gefühl erscheint immer dann, wenn die Brut, mittlerweile mit Schuhgröße 39 und 45, auf Riesenfüßen seine Schritte in die Eigenständigkeit macht.
Mit ganz hervorragend pubertären Vorstellungen vom Leben.
Und das Herz eines 17jährigen höherschlagen lassenden Idealen einer Welt, die sich mir nicht mehr erschließt, nicht erschließen kann – ist mein Herz doch das einer „Macher-Mutter“.

Ausgeschlossen zu sein, nicht gebraucht, manchmal auch nicht erwünscht… das ist der neue Zustand! Eine lästige, miese Gefühlsfliege mit glitzernd grünschwarzen Flügeln, die ich schon höre, wenn ich nur das Haus betrete. Wild mit den Armen wedelnd versuche ich sie immer wieder zu verjagen, aber es hat den Eindruck, als habe sie sich häuslich eingerichtet.

Das surren am Ohr, wenn mir klar wird: sie essen heute wieder nicht mit uns.
Das fliegen des sattschwarzen Körpers vor die Scheibe im Wohnzimmer: sie bereden grad lieber miteinander was los ist, als mit mir.
Und der Griff nach der verdammten Fliegenklatsche, wenn der Disput am Abend den gleichen Inhalt hat, wie die 20 Tage vorher auch schon… wenngleich ich mich dann wenigstens zu was nutzen fühle 😉

In Wirklichkeit, das ist mir klar, nabeln wir uns voneinander ab. Die beiden sind groß geworden, kluge Köpfe auf den Schultern, mit offenen Ohren und Interesse am Weltgeschehen wollen sie ihren eigenen Kram erledigen, eigene Fehler machen, ihre Ideale vertreten und sich von mir abgrenzen.

Dass sich das wie „es-ist-nichts-mehr-zu-tun“ anfühlt, ist komisch. Ich hab immer gedacht, wenn das irgendwann eintritt, ist es sowas wie „wow… ich hab endlich mal wieder Zeit für Sauna, ein Buch und ein Wochenende mit den Mädels“. Es ist aber mehr sowas wie… „oh… wie jetzt… und ich???“

Ich glaube, wir haben gerade eine sehr spannende Phase erreicht. Und ich bin dankbar, dass meine Kinder sie so leben können, wie sie sie leben. Mit aller Energie mich als Mutter rausschiebend, auch wenn es für mich bedeutet, dass ich mich langsam auf den Weg machen darf.

„Es ist nichts mehr zu tun“… das ist sicher eher ein Gefühl, als dass es tatsächlich die Aussage von Kindern wäre, die erwachsen werden… wir wissen alle: der Tag kommt nicht, an dem nichts mehr zu tun wäre für eine Mutter – aber eine zeitlang wird es sich so anfühlen…

Veröffentlicht von Special System

Die Erzählungen aus unserer Welt sind weit mehr als nur "ein bisschen was" über Autismus. Ich bediene erstaunlicherweise verschiedene Bereiche: Als "alleinerziehende, berufstätige Mutter zweier Kinder von denen eines eine Behinderung hat" bin ich in mehreren Randgruppen vertreten ;) - hey! In vielerlei Hinsicht bin ich ein unbequemer Mensch; ich frage nach, lasse nicht locker, setze mich ein und will, dass man mir die Dinge erklärt. Im Notfall auch so, als wäre ich zwei Jahre alt. Dann mache ich mir mein Bild- und das sieht häufig anders aus als das, was die Gesellschaft und /oder unser System mir oder den Menschen um mich herum zugedacht hat... Ich habe auch beruflich viel mit Menschen im Spektrum zu tun gehabt; habe sie und ihre Familien begleitet und Hilfestellung gegeben. Manchmal nannten mich die Beteiligten "ihren Dolmetscher", was ich persönlich als Kompliment nehme und was mich darin bestärkt hat, dass meine Ansätze und Ideen gut und brauchbar sind. Dieser Blog nimmt euch ein Stück weit mit in unsere Welt. Die ist gleichermaßen merkwürdig und eben speziell, wie auch bereichernd und herrlich abweichend von dem, was andere Menschen sich so zurechtleben... Ich freue mich über jeden Beitrag eurerseits und bin gespannt auf das, was so kommen mag, Liebes für euch, K.

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