Wasch mich – aber mach mich nicht naß

Heute traf ich im Tierfachhandel meines Vertrauens eine Frau mit Junghund.

Nicht nur, dass es sich um einen „Tut-Nix“ handelte, der ununterbrochen an meinem Hosenbein rumsabberte- nein. Der scheinbar zum Seelenheil seines Vermehrers gezeugte Labradoodle wurde zudem von diversen Ausschlägen, Hautdefekten und dauerentzündeten Ohren sowie Durchfällen geplagt.

Die Dame, so gab sie an, suche nach einem passenden Futter. „Barfen“, entfuhr es mir, „was wollen Sie da sonst machen?“.
Die Frau sah mich entsetzt an: „Nääää, das kommt gar nicht in Frage, das ist mir viel zu viel Arbeit, und das ist eklig!“
„Achso“, antwortete ich irritiert und ließ sie stehen… Was sollte ich dazu auch sagen…

Bei Kindern im Spektrum ist das oft ähnlich. Den Eltern ist klar, dass ihre Kids Baustellen haben. Sie benennen sie oft sogar ganz konkret. Beispielsweise ist vielen Eltern klar, dass Kinder im Spektrum ein ganz spezielles Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug haben. Trotzdem ist es immer wieder ein Problem, wenn den Eltern gesagt wird „Lasst ihr doch ihre Zeit“. Da wird das eigene Ideal von Qualitäts-Familienzeit ins Wanken gebracht, das geht nicht…

Viele wissen, dass ihre Kinder ein deutlich reduziertes Verlangen nach sozialen Kontakten haben. Trotzdem erwidern sie, wenn ich sage „Er ist doch glücklich, so für sich und in seinem Zimmer und mit seinem Spielzeug“ vehement: „Aber der kann ja nicht immer nur für sich sein, der muss ja auch mal auf andere Kinder treffen!“, unabhängig davon, dass es Elternsicht ist, nicht aber die des Kindes im Spektrum…

Es ist so ein „Wasch mich – aber mach mich nicht naß -Beratungsgespräch“. Die Eltern sagen, was ihnen auffällt, ich verbinde es mit der Autismusdiagnose, relativiere es und die Eltern sagen dann „Nääää, aber das geht doch so nicht.“

Für mich stellt sich da ganz oft die Frage, wer genau da das Problem ist… Und zumindest bei der Sache mit dem Hund bin ich mir sicher, dass es am anderen Ende der Leine steht…

Veröffentlicht von Special System

Die Erzählungen aus unserer Welt sind weit mehr als nur "ein bisschen was" über Autismus. Ich bediene erstaunlicherweise verschiedene Bereiche: Als "alleinerziehende, berufstätige Mutter zweier Kinder von denen eines eine Behinderung hat" bin ich in mehreren Randgruppen vertreten ;) - hey! In vielerlei Hinsicht bin ich ein unbequemer Mensch; ich frage nach, lasse nicht locker, setze mich ein und will, dass man mir die Dinge erklärt. Im Notfall auch so, als wäre ich zwei Jahre alt. Dann mache ich mir mein Bild- und das sieht häufig anders aus als das, was die Gesellschaft und /oder unser System mir oder den Menschen um mich herum zugedacht hat... Ich habe auch beruflich viel mit Menschen im Spektrum zu tun gehabt; habe sie und ihre Familien begleitet und Hilfestellung gegeben. Manchmal nannten mich die Beteiligten "ihren Dolmetscher", was ich persönlich als Kompliment nehme und was mich darin bestärkt hat, dass meine Ansätze und Ideen gut und brauchbar sind. Dieser Blog nimmt euch ein Stück weit mit in unsere Welt. Die ist gleichermaßen merkwürdig und eben speziell, wie auch bereichernd und herrlich abweichend von dem, was andere Menschen sich so zurechtleben... Ich freue mich über jeden Beitrag eurerseits und bin gespannt auf das, was so kommen mag, Liebes für euch, K.

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