Hervorgehoben

Mein erster Versuch…

„Tausend Vorstellungen von etwas werden immer(!) tausend Ideen hervorbringen…
… und jede wird in ihrer eigenen Farbe, mit den ganz eigenen Details und Besonderheiten ausgestattet sein, die der Ideenfinder bestimmen wird. Eine faszinierender und prächtiger als die andere, und jede für sich wird ihre eigene Wahrheit in sich tragen.“ (K.Smit)

Was ich tue – und warum

Die Erzählungen aus unserer Welt sind weit mehr als nur „ein bisschen was“ über Autismus. Ich bediene (erstaunlicherweise) verschiedene Bereiche.
Als alleinerziehende, berufstätige Mutter zweier Kinder von denen eines im Spektrum ist, bin ich in mehreren Randgruppen vertreten – so what…

In vielerlei Hinsicht bin ich ein unbequemer Mensch; ich frage nach, lasse nicht locker, setze mich ein und will, dass man mir die Dinge erklärt. Im Notfall auch so, als wäre ich zwei Jahre alt.

Dann mache ich mir mein Bild- und das sieht häufig anders aus als das, was die Gesellschaft und /oder unser System mir oder den Menschen um mich herum zugedacht hat.

Ich habe auch beruflich viel mit Menschen im Spektrum zu tun gehabt; habe sie und ihre Familien begleitet und Hilfestellung gegeben. Manchmal nannten mich die Beteiligten „ihren Dolmetscher“, was ich persönlich als Kompliment nehme und was mich darin bestärkt hat, dass meine Ansätze und Ideen gut und brauchbar sind.

Dieser Blog nimmt euch ein Stück weit mit in unsere Welt. Die ist gleichermaßen abweichend und ver-rückt wie auch bereichernd und wundervoll anders.

Ich freue mich über jeden Beitrag eurerseits,

Ganz viel Liebes,

K.

Gefühlsfliegen

Seit meine Kinder etwas älter sind, erlebe ich immer wieder eine für mich recht neue Situation.

Am Ende einer Begebenheit, eines Vorkommnisses, eines Tages (…), stehe ich heute oftmals mit ratlosem Gesicht vor ihr, und sie schaut mich fett grinsend an: die „es-ist-nichts-mehr-zu-tun-Hilflosigkeit“.

Es ist verführerisch zu glauben, das läge nun daran, dass alles getan wäre. Alles abgearbeitet sei. Die Kinder zufrieden wären mit dem, was sie angeboten bekamen… aber hey! wir befinden uns nicht im Leitartikel einer Elterzeitschrift oder im VHS Elternselbsthilfekurs… Wir wissen, das ist es nicht!!

Das neue Gefühl erscheint immer dann, wenn die Brut, mittlerweile mit Schuhgröße 39 und 45, auf Riesenfüßen seine Schritte in die Eigenständigkeit macht.
Mit ganz hervorragend pubertären Vorstellungen vom Leben.
Und das Herz eines 17jährigen höherschlagen lassenden Idealen einer Welt, die sich mir nicht mehr erschließt, nicht erschließen kann – ist mein Herz doch das einer „Macher-Mutter“.

Ausgeschlossen zu sein, nicht gebraucht, manchmal auch nicht erwünscht… das ist der neue Zustand! Eine lästige, miese Gefühlsfliege mit glitzernd grünschwarzen Flügeln, die ich schon höre, wenn ich nur das Haus betrete. Wild mit den Armen wedelnd versuche ich sie immer wieder zu verjagen, aber es hat den Eindruck, als habe sie sich häuslich eingerichtet.

Das surren am Ohr, wenn mir klar wird: sie essen heute wieder nicht mit uns.
Das fliegen des sattschwarzen Körpers vor die Scheibe im Wohnzimmer: sie bereden grad lieber miteinander was los ist, als mit mir.
Und der Griff nach der verdammten Fliegenklatsche, wenn der Disput am Abend den gleichen Inhalt hat, wie die 20 Tage vorher auch schon… wenngleich ich mich dann wenigstens zu was nutzen fühle 😉

In Wirklichkeit, das ist mir klar, nabeln wir uns voneinander ab. Die beiden sind groß geworden, kluge Köpfe auf den Schultern, mit offenen Ohren und Interesse am Weltgeschehen wollen sie ihren eigenen Kram erledigen, eigene Fehler machen, ihre Ideale vertreten und sich von mir abgrenzen.

Dass sich das wie „es-ist-nichts-mehr-zu-tun“ anfühlt, ist komisch. Ich hab immer gedacht, wenn das irgendwann eintritt, ist es sowas wie „wow… ich hab endlich mal wieder Zeit für Sauna, ein Buch und ein Wochenende mit den Mädels“. Es ist aber mehr sowas wie… „oh… wie jetzt… und ich???“

Ich glaube, wir haben gerade eine sehr spannende Phase erreicht. Und ich bin dankbar, dass meine Kinder sie so leben können, wie sie sie leben. Mit aller Energie mich als Mutter rausschiebend, auch wenn es für mich bedeutet, dass ich mich langsam auf den Weg machen darf.

„Es ist nichts mehr zu tun“… das ist sicher eher ein Gefühl, als dass es tatsächlich die Aussage von Kindern wäre, die erwachsen werden… wir wissen alle: der Tag kommt nicht, an dem nichts mehr zu tun wäre für eine Mutter – aber eine zeitlang wird es sich so anfühlen…

Wasch mich – aber mach mich nicht naß

Heute traf ich im Tierfachhandel meines Vertrauens eine Frau mit Junghund.

Nicht nur, dass es sich um einen „Tut-Nix“ handelte, der ununterbrochen an meinem Hosenbein rumsabberte- nein. Der scheinbar zum Seelenheil seines Vermehrers gezeugte Labradoodle wurde zudem von diversen Ausschlägen, Hautdefekten und dauerentzündeten Ohren sowie Durchfällen geplagt.

Die Dame, so gab sie an, suche nach einem passenden Futter. „Barfen“, entfuhr es mir, „was wollen Sie da sonst machen?“.
Die Frau sah mich entsetzt an: „Nääää, das kommt gar nicht in Frage, das ist mir viel zu viel Arbeit, und das ist eklig!“
„Achso“, antwortete ich irritiert und ließ sie stehen… Was sollte ich dazu auch sagen…

Bei Kindern im Spektrum ist das oft ähnlich. Den Eltern ist klar, dass ihre Kids Baustellen haben. Sie benennen sie oft sogar ganz konkret. Beispielsweise ist vielen Eltern klar, dass Kinder im Spektrum ein ganz spezielles Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug haben. Trotzdem ist es immer wieder ein Problem, wenn den Eltern gesagt wird „Lasst ihr doch ihre Zeit“. Da wird das eigene Ideal von Qualitäts-Familienzeit ins Wanken gebracht, das geht nicht…

Viele wissen, dass ihre Kinder ein deutlich reduziertes Verlangen nach sozialen Kontakten haben. Trotzdem erwidern sie, wenn ich sage „Er ist doch glücklich, so für sich und in seinem Zimmer und mit seinem Spielzeug“ vehement: „Aber der kann ja nicht immer nur für sich sein, der muss ja auch mal auf andere Kinder treffen!“, unabhängig davon, dass es Elternsicht ist, nicht aber die des Kindes im Spektrum…

Es ist so ein „Wasch mich – aber mach mich nicht naß -Beratungsgespräch“. Die Eltern sagen, was ihnen auffällt, ich verbinde es mit der Autismusdiagnose, relativiere es und die Eltern sagen dann „Nääää, aber das geht doch so nicht.“

Für mich stellt sich da ganz oft die Frage, wer genau da das Problem ist… Und zumindest bei der Sache mit dem Hund bin ich mir sicher, dass es am anderen Ende der Leine steht…

typisch neurotypisch

Manchmal findet mein Sohn sie komisch: die, die nicht autistisch sind; die Neurotypischen…

Er sagt, wenn sie zum Beispiel traurig sind, habe er Angst, dass sie von nun an immer so bleiben könnten. Sie sind anstrengend, haben zu scheinbar identischen Situationen unterschiedliche Stimmungen.
Und meistens reden sie zuviel…

Er findet es komisch, wenn ich ihn ansehe und frage, was er denn habe – ohne dass er sagte, dass er etwas habe, wohlwissend jedoch DASS er eben sehrwohl etwas hat…
„Irgendwie gruselig ist das“, sagt er dann.

Er ist genervt, wenn ihn jemand fragt, wie sein Tag war, weil er nicht genau weiß, ob damit das Aufstehen gemeint ist, was eigentlich jeden Morgen stresst; die Situation bei der Arbeit; der Ärger im Bus weil der Sitznachbar stank oder tatsächlich der ganze Tag…
„Wieso sind die nicht-autistischen so unkonkret“ fragt er dann.

Wenn ich emotional auf eine einfache klare Aussage seinerseits reagiere, ist er schockiert.
„Ich hab doch nur gesagt, ich finde dich anstrengend, wenn du mich auf diese Art weckst…“
„Wieso musst du immer alles so persönlich nehmen?“ wunder er sich dann…

Gar nicht so einfach, mit diesem Neurotypischen Syndrom!!!

„Das neurotypische Syndrom ist eine biologische Störung.

Die Symptome sind: übertreiben geselliges Verhalten, Überöegenheitswahn und eine Fixierung auf Konformität.

NTs können nicht gut alleine sein.

NTs sind oft intolerant.

In Gruppen reagieren NTS oft zwanghaft und bestehen auf funktionsgestörten, destruktiven und sogar unmöglichen Ritualen, nur um die Gruppenidentität aufrecht zu erhalten.

NTs haben ein Problem, direkt zu kommunizieren und lügen viel mehr, als Personen aus dem autistischen Spektrum.

Tragischerweise haben 9.625 von 10.0000 Menschen das neurotypische Syndrom.“

Quelle:

„Das Asperger-Syndrom: Sexualität, Partnerschaft und Elternsein“ von Katja Carstensen; Taschenbuch (19. Februar 2009)

ISBN: 9783837077681 – Books on Demand (BoD)

Pubertät und die schlechteste Mutter der Welt

Aktuell erlebt man mich immer mal wieder hsyterisch kichernd, absolut an den Grenzen des Möglichen und immer mit der verbalen Axt in der geballten Faust. Ich bin müde!

Ihr kennt das vielleicht, wenn alles an einem zerrt und man eigentlich schlafen will. Wenn man dann aber die Augen zu macht, schwirrt es; der Alltag schleicht sich ins Hirn und wie ganz vorn in einem Wellenbad schwappen die Wassermengen langsam und immer und immer wieder zu einem heran. Schwipp…. schwapp… schwapp…
Auch der ganze Rest ist vergleichbar: schreiende Kinder, die entweder nicht ins Wasser wollen aber müssen, oder aber Kinder die schreien, weil sie ins Wasser wollen, aber nicht dürfen. Klamotten überall, Kinder, die permanent irgendwas wollen und dazu der Mitbürger auf der Liege nebenan, der alles besser weiß.

So ist das hier auch. Nur dass es Pubertät heißt…
Wenn Die Sportkleidung in der Garage gelagert wird und dann (bei -7° C) feucht wird und nicht getragen werden darf, hat die Mutter Schuld. Sie verbietet das schließlich.
Und wenn Die Mathearbeit 5 ist weil nicht gelernt wurde, hat ebenfalls die Mutter Schuld, sie hat nämlich keine Entschuldigung wegen „Kopfschmerzen“ geschrieben.

Dazu Zimmer, denen ein Odeur aus Deo, (Nagellacken), Essensresten und Kleidungsbergen nach zwei ungelüfteten Nächten entströmt. Wow! Ich bin geflasht. Hier habe ich nur Schuld daran, dass die Haushaltsfee die Zimmer nicht mehr betreten darf (muss), wenn nicht ein minimaler Zustand von Ordnung erkennbar wird…

Als wäre das nicht genug, sind Wortklaubereien ebenso beliebt.
Morgens um 7.30 Uhr zu fragen, warum die zwei Stunden nicht ausreichen um pünktlich zur Schule zu kommen, ist durchaus heikel. Es führt zu einer Abhandlung über die Auslegung des Wortes „bummeln“ und der Suche im Duden nach entsprechenden Synonymen dafür. Auffällig dabei: „Synonym“ ist als Wort bekannt, „bummeln“ nicht.

Wie ich es drehe und wende, es bleibt dabei. Mein Kind wird Erwachsen. Ich wünschte nur, das Ganze würde mit weniger Dramatik und Stress passieren – und sage das auch.

„Apropos Dramatik“, so meine Tochter, diese würde sie nun übrigens auch in der Schule haben. Ich staune, sie erklärt. In der differenzierten Mittelstufe würde KDG als fachübergreifender Kurs angeboten. Das würde sie machen wollen. Kunst-Darstellen-Gestalten heißt das Ganze dann. Da sie Psychologie studieren werde, sei das gut, da würde sie sicher auch das Psychodrama durchnehmen und das hätte sie dann schon drauf, wenn es ins Studium ginge.
DA BIN ICH SICHER, sie wird als Meisterin desgleichen im Seminar unterwegs sein und Freud ins Essen spucken!

Die Axt in meiner Hand schleift langsam über den Asphalt der Straßen durch die mich mein elendes Dasein streifen lässt – ich, die schlechteste Mutter der Welt im Kampf gegen die Pubertät…

Eine Suche, die niemals endet

Wenn Du mit einem Kind lebst, dass irgendwie anders ist, bist du dauerhaft auf der Suche…

Es fängt schon früh an, denn während Du Dein Kind als einzigartig und einfach wunderbar erlebst, beginnt deine Umwelt das Anders-sein wahrzunehmen.
Eltern um Dich herum, manchmal auch Verwandte oder Freunde machen Dich aufmerksam und sagen Dir, dass irgendetwas merkwürdig oder besonders ist.

Du suchst also nach Vergleichen; beginnst automatisch zu schauen, ob das stimmt oder das Kind Deiner Freundin nicht vielleicht Deinem ähnelt, oder in der Krabbelgruppe der kleine Junge, der immer seinen Teddy dabei hat die Dinge genauso tut, wie Dein Kind.

Meistens sind Suchen dieser Art nicht erfolgreich; so richtig findest Du kein Kind, das wie Deines ist… (das gilt übrigens für JEDES Kind 😉 ).
Also suchst Du nach einem Grund, einem Anlass, der ausreichend sein könnte dafür, dass Dein Kind sich auf seine eigene Art benimmt.
Das tust Du übrigens nicht freiwillig und weil Du so gern auf der Suche bist, sondern weil unsere Welt das so vorgibt: wenn jemand anders ist, muss er gleich gemacht werden, angepasst, therapiert oder verändert… nur „anders-sein“, das ist schwierig, das ist nicht gewünscht, das passt nirgendwo hin.

Mit der Erkenntnis, dass Dein Kind nicht so recht hineinpasst in diese Welt geht die Suche weiter. Du machst Dich wieder auf den Weg, suchst nun Unterstützung, Verständnis oder zumindest sowas wie Toleranz. Was Du findest, ist das Gegenteil, denn: solange Du nicht weißt, was genau bei deinem Kind „speziell“ ist, will sich niemand so richtig auf euch einlassen.

Also suchst Du nun einen passenden Weg; eine Diagnose, einen Arzt oder ein Sozialpädiatrisches Zentrum, irgendwas, was Dir bei Deiner Suche behilflich sein könnte.
Auch hier kommt es zu Enttäuschungen, Du triffst auf Menschen, die fachlich ausgebildet sind und den Blick über den Tellerrand nicht immer beherrschen- Menschen, die festgefahren in ihrem Wissen nicht bereit sind, auf Eltern zu hören und sie als Spezialisten ihrer Kinder anzuerkennen.

Manchmal hören Eltern an dieser Stelle auf zu suchen; sie bekommen eine Diagnose, die ihnen die Fähigkeit abspricht gute Eltern zu sein, Aussagen zu emotionalen Störungen oder Anpassungsschwierigkeiten, ein hyperkinetisches Syndrom oder ähnliches und die Aufforderung, dem Kind Zeit zu geben… Jedenfalls erlebe ich oft, dass Eltern hier aufhören zu suchen; die Dinge hinnehmen, ohne ein Ergebnis. Ohne zu wissen, was genau denn anders am eigenen Kind ist.
Manchmal ist das okay; nicht alles braucht einen Namen… Bei Kindern im Spektrum ist es aber dennoch unglaubliche wichtig, dass sie eine auf sie angepasste Begleitung erfahren dürfen.

Daher empfehle ich an diesem Punkt: macht weiter! Sucht, was auch immer ihr benötigt um euren Platz zu finden; und auch um eurem Kind einen Platz anbieten zu können. Sucht einen guten Diagnostiker, einen Arzt mit Fachkenntnis, ein gutes SPZ oder den Anschluss an eine AutismusAmbulanz.

Glaubt mir; es gibt noch tausende Dinge, die ihr erledigen müsst; die Suche nach einer passenden Kita, einer Schule, nach Gesetzestexten um Unterstützung und Begleitung zu beantragen. Eure Suche führt euch zu Anwälten, Fachkräften und Selbsthilfegruppen. Zu Wohnheimen, Einrichtungen der Behindertenhilfe, zu Fachdiensten und zu Eltern, denen es geht wie euch! Ihr sucht nach Sportvereinen, nach Berufsfeldern, nach Anerkennung und Teilhabe, nach Offenheit und Inklusion und ihr werdet weit über das Durchschnittsalter hinaus für euer Kind auf der Suche sein, einfach weil es „irgendwie anders“ ist.
Macht nur eines nicht… Aufgeben! Aufgeben ist keine Option- niemals!

Ihr werdet nach Wegen und Möglichkeiten schauen, eurem Kind einen Weg zu ebnen, und ihr werdet ganz oft nicht finden, was ihr euch vorher vorgenommen habt; aber am Ende ist es bei diesen Suchen genau wie bei allen anderen… ihr werdet etwas passendes finden, wenn ihr nicht mehr daran glaubt. Wenn ihr am wenigsten damit rechnet, werdet ihr über etwas stolpern und es für euch und euer Kind annehmen können als gewinnbringend und das Ergebnis einer Suche, die niemals endet. Versprochen!

Tausend Vorstellungen von etwas

Wir haben alle unsere Idee von dem, wie etwas sein soll. Manche nennen es Normalität, andere sagen „so leben wir nunmal“.
Wie auch immer es genannt wird, es ist so eine Vorstellung davon, wie das Drumherum zu sein hat.
Die einen kommen mit nem Chaos im Haushalt gut klar, während die anderen es ordentlich und wie aus dem Katalog mögen. Manche wollen ein großes Auto, der Gegenüber fährt Rad. Einige essen lieber vor dem TV, andere am Tisch, wieder andere allein für sich.

Es gibt zu allem eine Idee, einen Entwurf, manchmal auch einen Wunsch, der sich nicht erfüllen lässt. Jedoch: sowas wie „normal“, sowas wie „das sollte doch anders sein“ macht es uns schwer…

Es beschneidet Menschen darin, den passenden Weg für sich und die Menschen drumherum zu finden. Einfach weil es sowas wie „DIE richtige Art und Weise“ nicht gibt. Weil wir im Leben immer auf Eventualitäten treffen, auf Diversitäten, auf Besonderheiten und Eigenarten.

Wer sagt, dass ein Kind mit vier Radfahren können muss, verliert den Blick für das Wunder, wenn ein Kind mit acht und schweren motorischen Schwierigkeiten die ersten Runden auf dem Rad dreht.
Wenn jemand darauf besteht, dass ein Jugendlicher mit 16 in eine Ausbildung gehen muss, hat er kein Empfinden mehr dafür wie großartig es ist, dass der Nachbarsjunge im Spektrum mit 15 einen Meilenstein erreicht hat, weil er den Weg zum Bäcker allein geschafft hat. Und wer der Ansicht ist, dass Kinder mit 13 sich brav und anständig dem Wort der Eltern beugen müssen hat verpasst, wie wundervoll es ist, wenn Kinder sich entwickeln und ihrer Meinung entsprechend für Dinge einstehen die Ihnen wichtig sind: alles, weil jemand mal gesagt hat „dies ist normal – das aber nicht“…

Viel schlimmer daran ist: wir versäumen den Blick für das große Ganze. Für die vielen verschiedenen Wege zu leben, zu sein und zu werden. Dafür, dass das Leben bunt ist und wir mit ein bisschen Akzeptanz dem Anderssein gegenüber entspannter, freundlicher und mit weniger Stress durch die Welt gehen könnten…

Ich bin es leid zu hören, dass irgendetwas an der Art, wie wir sind nicht „normal“ ist, nicht richtig, nicht regelkonform oder passend. Es nervt mich! Es macht mich geradezu krank und ungehalten, dass es immer wieder Raster gibt in die wir passen sollen, in die mein Sohn gepresst wird oder die mir die Welt vorgeben will; einfach nur „WEIL ES SO IST“…

Es ist eben nicht so! Nicht notwendigerweise! UND: es ist nicht wichtig, zu sein, wie die Umwelt es gern hätte…

Wie sagte ich schonmal:

„Tausend Vorstellungen von etwas werden immer(!) tausend Ideen hervorbringen… und jede wird in ihrer eigenen Farbe, mit den ganz eigenen Details und Besonderheiten ausgestattet sein, die der Ideenfinder bestimmen wird. Eine faszinierender und prächtiger als die andere, und jede für sich wird ihre eigene Wahrheit in sich tragen.“ (K.Smit)

Unterschiede

Kindern im Spektrum sieht man nicht an, dass sie ne andere Wahnrnehmung haben. Sie sind unerkennbar anders. Gesicht, Augen und Bewegung deuten nicht darauf hin, dass sie die Welt anders sehen. Wenn ich gefragt werde, was denn “da” den Unterschied ausmacht, muss ich nicht lange überlegen.

Mein Kind gerät in großes Schweigen und verfällt in schwere Gedanken, wenn er von der Studie des Pennington Biomedical Research Center in Lousiana liest, die besagt, dass man eher stirbt, wenn man viel sitzt.

Ich finde meinen Sohn dann knieend vor dem Computer:
so sitzt er nicht, und so wird ihn der frühe Tod nicht ereilen. Es wird dann ein paar Tage dauern, bis er umgesetzt hat, was ich ihm erkläre. Für ihn ist das nicht sofort nachvollziehbar, denn wenn das so irgendwo steht, muss es stimmen, und “viel sitzen” ist in seiner Wahrnehmung sehr klar definiert. Da gibt es nur viel und wenig. Und Sitzen muss er in der Schule den ganzen Tag, da stellt man sich schnell die Frage, ob die wollen, dass man früh stirbt.
Überhaupt ist dann nicht zu verstehen, warum die Menschen soviel sitzen. Wieso sie nicht im Kino besser stehen könnten. Und warum die Arbeitsplätze allesamt sitzend ausgestattet sind, der Bus so wenig Platz zum Stehen hat und die Cafès nicht mehr Stehtische anbieten.

Am Ende ist das Ganze sogar ein Erziehungsproblem und müsste evolutionär überdachte werden; denn wenn wir unsere Kinder schon ganz früh an viel stehende und laufende Tätigkeit gewöhnen würden, wäre das normal und man würde viel besser gegen den frühen Tod angehen können.

Spricht mein Genie, denkt noch einen Augenblick nach und geht dann raus, kniet sich vor seinen Rechner und liest eine weitere Studie…

Spezialinteresse und Psychopathen

Psychopathen sind das aktuelle Thema. Und Attentäter.
Vielmehr als Taten und Geschehnisse interessiert dahinter die tatsächliche Besonderheit der Psychopathie.

Ab wann ist man “ein Psychopath” und ist es tatsächlich “nur” eine Dysfunktion sowie weniger Hirnmasse in der präfrontalen und orbitofrontalen Großhirnrinde?

Dopamin- und Serotoninspiegelwerte werden verglichen, “Narzissmus”, “Impulskontrolle” und “antisoziale Persönlichkeitsstörung” sind häufig gegoogelte Wörter.

Sämtliche Checklisten aus dem Internet (die, anhand derer man angeblich Psychopathen erkennt) liegen ausgedruckt im Zimmer des jungen Mannes. Er wendet sie bei vielen ihm bekannten Menschen an, immer dann, wenn er glaubt, da könnte etwas passen. Donald Trump schnitt dabei übrigens nicht gut ab.

Wie dem auch sei: der Junge ist fasziniert von diesen Fakten. Nicht zuletzt, weil er sich wiedererkennt. Nicht in den Taten, sondern in der vermeintlichen(!) Unfähigkeit, sich empathisch zu zeigen.

Als Autist fällt es ihm schwer, zu erkennen, was sein Gegenüber von ihm will, wenn es nicht klar formuliert wird. Und er hat Angst, deshalb ein Psychopath zu sein.
Tatsächlich ist er meilenweit weg von “mangelndem Schuldbewusstsein”, “Verantwortungslosigkeit” oder “Gefühlskälte”.

Seine Wahrnehmungsbesonderheit macht ihn verletzlicher als wir neurotypischen Menschen es sind. Autismus begrenzt ihn in der sozialen Interaktion, macht ihn aber nicht gefühllos oder kalt!
Vielmehr nimmt sein Hirn alles feiner, genauer und vor allem direkter auf, so dass sein “sich isolieren” seinem Schutz gilt. Einfach, um nicht erschlagen zu werden von all den Reizen, Gefühlen und Eindrücken.

Wir grenzen gemeinsam das Eine vom Andren ab. Und am Ende ist er immer noch unsicher, aber etwas entspannter. Das Ganze wird sicher noch eine Weile unser Thema sein.

Als ich zum Abschluss das Thema wechseln möchte, frage ich nach Weihnachtswünschen. Ganz oben auf der Liste: “W. Berner: Die Hare-Psychopathie-Checkliste-Revised (PCL-R). Unveröffentlichtes Manuskript. 1994″

L A U T

Jemand hat mal zu mir gesagt „Du kannst echt nicht in leise, oder?“
Und er hatte recht! Ich kann es nicht in leise, und meine Kinder können es auch nicht. Also zumindest nicht so gut 😉

Es gibt Familien, da tröpfeln die Ereignisse still und andächtig ins Leben. Bei uns ist es eher so, als wenn eines dieser Jagdflugzeuge in deinem Wohnzimmer landen würde:

Friseurbesuch: whhhhhham…. die Republic XF- 84H herself steuert aufs Sofa zu.
Schule lief blöd: die Nasa startet die SaturnV direkt von deinem Küchentisch.
Du erlaubst das Duschen um 22.30 Uhr nicht mehr: der Ausbruch des Krakatau ist augenblicklich in deinen Flur verlegt!

Während die Menschen um mich herum in sanften Klängen ihren pubertierenden Nachwuchs in die Grenzen singen, ballere ich als angestochener Feldwebel (w) durch die Zimmer und belle befehlsartige, knappe und klar formulierte Aufforderungen in den Tag.

Leise machte das hier keinen Sinn! Während mein Testosteron-Sohn die Ohren mit der leicht nickenden Kopfbewegung, die für den Blick aufs Handy notwendig ist abschaltet, kann ich die Glitzerknete, die den Gehörgang im Kopf meiner heranwachsenden Tochter verstopft förmlich sehen.

Und während ich hier so schreibe denk ich: Schilder… Morgen versuche ich es mal mit Schildern…

Tag X

Es gab einen Tag X im Zusammenleben mit meinen Kindern.

Den Tag, an dem mir deutlich wurde, dass das gewünschte, erhoffte und erwartete Leben in trauter Familienatmosphäre mit lustigen Abenden am Esstisch bei Strategiespielen nicht stattfinden würde, ein Abschied vom “Normalen” sozusagen.

Zunächst waren es nur die Auseinandersetzungen mit Einrichtungen wie Kindergarten, Krabbelgruppe (traumatisch, kann ich nur sagen!), Sportvereinen und anderen Eltern. Das Anderssein war auffallender geworden. Als Mutter war ich bemüht darüber hinwegzusehen und korrigierend einzugreifen. Dass das erfolglos blieb frustrierte mich. Und mein Kind schien zudem genervt von meinen Interventionen… und unverstanden.

Die Idee, mein Sohn könnte sich anpassen, würde schon irgendwann in diese verdammte Kindergartengruppe passen, dort Freunde finden, auch mal eingeladen werden… diese Idee begann sich zum Zeitpunkt der Einschulung zu verflüchtigen. Die Eigenarten wurden klarer, spezieller, auffallender und mein Kind ließ nach wie vor nicht davon ab, Dinge auf seine Art und Weise zu tun. Auf eine Art, die den meisten anderen Kindern nicht nur fremd, sondern auch falsch vorkam.

Aber wir kennen das: Mütter hoffen immer 😉

Als mein zweites Kind in die Kita kam, wurde ich entgültig desilusioniert. Sie kam überall klar. Und ich erlebte, wie es “eigentlich” hätte sein können. Das machte mir das Ausmaß unserer Besonderheiten bewusst – und ich sage absichtlich „unserer“ weil ich als Mutter natürlich co-speziell geworden war. Das Ganze machte mir ebenfalls klar, dass bei aller Anpassung oder Veränderung die Lücke schon zu weit klaffte…

Irgendwann beginnt man dann klar zu bekommen, dass diese Art zu sein eben einfach so ist, wie sie ist. Unveränderbar und dem Kind eigen. Besonders zwar, aber bei genauem Betrachten nicht mehr angsteinflößend und zum Schluß dann sogar greifbar!

Es ist, als lerne man, in einem fremden Land klar zu kommen: Die Sprache will nur unter Anstrengungen in den eigenen Kopf, hört sich zuerst fremd an, aber nach und nach klappt die Verständigung besser. Mit genug Mut geht man dann einfach mal ein paar Wege, findet Möglichkeiten an ein Ziel zu kommen ohne den schweren Aufstieg zu nehmen. Es ergeben sich sogar Gemeinsamkeiten in dieser Fremde, ich musste nur danach suchen.

Schwieriger ist dann der Abschied aus der eigenen Welt. Aus der, in der die andren ja irgendwie zurückbleiben: die eigenen Eltern, Freunde, die vielen Besserwisser, Lehrer, Begleiter… Sie stehen ja in diesem andren Land, in dem, wo die normalen wohnen, dort, wo man uns merkwürdig und andersartig findet.


Sie erfassen unsere Art zu leben nur am Rande, begreifen nicht, aus welchem Grund wir bestimmte Dinge tun, wie wir sie tun.


Sie kennen die Verzweiflung so wenig wie den Stolz, den wir Eltern der SpektrumKinder erleben, wenn unser Kind Meilensteine erreicht oder (wieder mal) frustriert aus dem Normalo-Land ausgewiesen wurden und auch uns – andersherum- aus seiner Welt ausschließt. Sie kennen die Mühen nicht und nicht die Anstrengungen die wir zusammen mit unseren Kindern leisten um diese beiden Länder zu vereinen. Und sie wissen nicht um unsere Kriege…

Was am Ende bleibt sind kulturelle Eigenheiten. Während mein Kind “einfach so” in dieses Land Autismus hineingeboren wurde, muss ich mühsam die Gepflogenheiten erlernen. Unser Zusammenleben bleibt also eine Mischform aus dieser neurotypischen und der autistischen Welt.

Aber hey… keiner hat gesagt, dass es einfach wird – also machen wir es uns schön – es kann ganz einfach sein, wenn wir nur wollen!